Neumarkter Ladungssicherungstag 2009
Grenzen, Chancen und Perspektiven der Ladungssicherung:
Von der „Risikomethode Niederzurren“ bis hin zum Ladungs(un)sicherheitsfaktor Nummer Eins dem Menschen.

Anlässlich des Neumarkter Ladungssicherungstages 2009 trafen sich Ende September in der Oberpfalz (Bayern) Ladungssicherungsexperten aus ganz Deutschland. Gekommen waren Fachleute aus der Wissenschaft, von Transportunternehmen und Verbänden sowie Vertreter der Verkehrspolizei aber auch Gutachter und Schulungsleiter für Ladungssicherung. Bei diversen Fachvorträgen, unter anderem von Prof. Ulrich Podzuweit, bei Vorträgen und Vorführungen wurden grundsätzliche Fragen sowie neue technische Entwicklungen der Ladungssicherung diskutiert. Der VDI Ladungssicherungsexperte und Gefahrgutbeauftragte Sigurd Ehringer erörterte den „Faktor Mensch“: „Die Anforderungen an die Ladungssicherung wachsen, aber die Ladungssicherungsmethodik und –didaktik wächst nicht im gleiche Maße mit“. Günther Braun, Firmenchef der Braun Ladungssicherungssysteme stellte die gängige Praxis des Niederzurrens in Frage. Beim Praxistest an der Ratsche konfrontierte er die Besucher des Ladungssicherungstages mit der Tatsache, dass so gut wie niemand die vorgeschriebenen 50 daN (kg) Handkraft (SHF) am Ratschengriff erzielen konnte. Seine These: „Niederzurren ist eine Risikomethode, wenn ein Großteil der Fahrer nicht in der Lage ist, die notwendige Handkraft und damit die vorgeschriebene Vorspannkraft (STF) im Gurtband zu erzeugen“. Eine Lösung sieht er im neuen, patentierten SpannControl System, einem bis dato einmaligen Handkraftmessgerät.

Moderne LKW Technik stellt höhere Anforderungen an die Ladungssicherung.

Der renommierte Ladungssicherungsexperte Prof. Ulrich Podzuweit, langjähriger Dozent an der FH München stellte den anwesenden Ladungssicherungsprofis folgendes Szenario vor: Im Jahr 1970 hatte ein leistungsstarker LKW um die 270 PS. Heute sind für einen modernen LKW 650 PS keine Seltenheit. Im hydraulischen System - welches unter anderem die Servolenkung antreibt - kann folglich ein deutlich höherer Druck von bis zu 360 bar aufgebaut werden. Entsprechend sind deutliche schnellere Lenkbewegungen und Ausweichmanöver möglich. In der Konsequenz erhöhen sich die Flieh- oder Zentrifugalkräfte, die auf die Ladung einwirken um ein Vielfaches.

Unheimliche Begegnung der „russischen Art“.
Wenn die VDI 2700 an ihre physikalischen Grenzen kommt... Oder genauer gesagt an Ländergrenzen.

Ein „exotisches Problem der Ladungssicherung“ schilderte Prof. Podzuweit seinen Zuhörern angesichts einer „unheimlichen Begegnung“ mit einem russischen LKW Gespann. Angesichts der im fernen Sibirien oftmals anzutreffenden Buckel-Pisten hatte der Auflieger eine deutlich höhere Bodenfreiheit als z.B. ein typischer Euro-Sattelzug. Mit der höheren Ladefläche liegt somit der Schwerpunkt des LKWs deutlich höher. Doch nicht nur die Frage der „Kippgefahr“ stellt sich hier, denn mit seinen für uns ungewohnten Blattfedern „hüpft“ der russische Auflieger quasi über den Asphalt und stellt damit Anti-Rutschmatten vor ganz „neue Aufgaben“: Nämlich wie die Rutschmatten selbst auf einer hüpfenden Ladefläche die Bodenhaftung behält.

Ganz gleich jedoch ob, schnellere Lenkbewegungen, hüpfende Ladefläche oder ob tonnenschwere Big-Bag Ladungen mit körnigem Material geladen sind, so dass traditionelle Gurtumlenkungen nicht genutzt werden können, das Fazit von Prof. Podzuweit ist eindeutig: Nicht die physikalischen Grundlagen vernachlässigen! Denn die Methoden der Ladungssicherung müssen sich der Physik anpassen und nicht anders herum.

Ist der „Faktor Mensch“ für die Aufgaben der Ladungssicherung gerüstet?
Ein klares Nein, sagt die Statistik.

Die technisch-physikalischen Rahmenbedingungen werden also für die Ladungssicherung anspruchsvoller bzw. komplexer. Ist der Faktor Mensch dem gewachsen? Nein, sagt der VDI Ladungssicherungsexperte und Gefahrgutbeauftragte Sigurd Ehringer mit Blick auf die Statistik: „Die Anforderungen wachsen, jedoch die Qualität der Ladungssicherung wächst nicht mit“. So zeigt sich in der Praxis, dass in den seltensten Fällen die Methoden der Ladungssicherung einwandfrei umgesetzt werden. Stichproben belegen, dass gerade mal 20% der kontrollierten Fahrzeuge keine Mängel bei der Ladungssicherung (Niederzurren) aufweisen:

Die Ursachen mangelhafter Ladungssicherung sind vielschichtig und lassen sich laut Sigurd Ehringer an drei Kernproblemen festmachen:

In den Bereich des „fundierten Halbwissen“ gehört laut Sigurd Ehringer der Umstand, dass die Wirksamkeit des Niederzurrens in vielen Fällen komplett überschätzt wird. Insbesondere der Unterschied zwischen Form- und Kraftschluss wird oftmals falsch eingeschätzt. Sigurd Ehringer: „Zu allererst sollten Güter formschlüssig unter Einsatz von Anti-Rutschmatten gestaut werden. Erst danach sollten die Gurte zum Einsatz kommen“. Der Denkfehler ist, dass man sich komplett auf das Niederzurren verlässt. Sigurd Ehringer: „Im Extremfall sind dann Ladungssicherungen mit zig Gurten notwendig. Doch so viele Anschlagpunkte für Gurte hat ein LKW nun mal nicht.“

Mit Sicherheit wenig Sicherheit.
Viel Ladungs(un)sicherheit an der Ratsche.

Auch beim Einsatz an der konventionellen Spannratsche ist der Faktor Mensch der entscheidende Schwachpunkt. Sigurd Ehringer: „Zum Bedienen einer Spannratsche wird sehr viel Kraft benötigt. In den seltensten Fällen wird dabei vom Bedienpersonal die vorgeschriebene Handkraft (SHF) von 50 daN erreicht. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Praxis die Ratsche oft nur nach oben gedrückt werden kann, man kann also nicht sein Körpergewicht „an die Ratsche hängen“. Oder man steht auf der Laderampe und kann die Ratsche mit nur einer Hand bedienen. Das hat zur Folge, dass die angegebene Vorspannkraft (STF) im Gurtband nicht erzeugt werden kann“. Viele Transportleiter und Fahrer sind sich jedoch über die damit verbundenen Sicherheitsrisiken nicht im Klaren. Mit anderen Worten: Niederzurren wird zum latenten Sicherheitsrisiko. Zwar behelfen sich viele Fahrer mit unterschiedlichsten Hebelwerkzeugen, wie z.B. langen Stangen um die Handkraft an der Ratsche zu erhöhen, doch diese Hilfsmittel haben alle die „Rote Karte“ verdient und sind zudem nicht zulässig. Denn all zu oft werden Ratschen dadurch irreparabel beschädigt.

Von wegen nur messen.
Lang lebe das Handkraftmessgerät, das mehr kann.

Die große Frage der Tagungsteilnehmer: Wie könnte man also ohne eine Ratschenverlängerung 50 daN Handkraft (SHF) erzielen? Vor allem mehrmals hintereinander ohne danach an einem Bandscheibenvorfall zu laborieren? Zur Beantwortung dieser Frage ließ Günther Braun die Tagungsteilnehmer selbst zur Ratsche greifen. An einer Musterinstallation mit Ratsche und einem angebrachten Kraftmessgerät, das die jeweils aktuell gemessene Handkraft anzeigte, durften die Tagungsteilnehmer „überschüssige Kräfte abbauen“.

Nach der schweißtreibenden Arbeit durften die Besucher mit der patentierten Lösung aus dem Hause Braun dem SpannControl System ans Werk gehen. Der Clou. Es handelt sich um ein Handkraftmessgerät, das obendrein die benötigte Kraft zum Ratschen deutlich verringert. Die Vorgehensweise ist denkbar einfach. Der SpannControl wird einfach auf dem Handgriff der Ratsche aufgerastet und es kann losgehen.

100% Ladungssicherheit gibt es nicht...
Den Willen zu 100% Sicherheit jedoch schon.

Ladungssicherung, das war allen Teilnehmern klar, gibt’s nicht zum Nulltarif. Technische Weiterentwicklungen, Schulungen und das Schaffen gesetzlicher Rahmenbedingungen sind zentrale Vorraussetzungen. Dass diese Investitionen zwingend notwendig sind, zeigt ein Blick auf die Statistik:

Dass man wohl nie 100% Sicherheit erzielen kann, war allen Tagungsteilnehmern klar, dass man jedoch alle Anstrengungen unternimmt, dieses Ziel zu erreichen stet außer Frage. Darum: Beim nächsten Neumarkter Ladungssicherungstag 2010 sieht man sich darum wieder.

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Literaturquellen:

Über Sigurd Ehringer

Sigurd Ehringer ist VDI-zertifizierter Ausbilder für Ladungssicherung, Gefahrgut-Beauftragter und seit 1996 Berater/Ausbilder/Trainer in der Logistik. Sigurd Ehringer ist bekannt als Fachbuch-Autor zum Thema Ladungssicherung. Mehr unter HYPERLINK "http://www.se-logcon.de"http://www.se-logcon.de

Über Prof. Ulrich Podzuweit
Prof. Ulrich Podzuweit war langjähriger Dozent für den Fachbereich Maschinenbau / Fahrzeugtechnik für Schwerfahrzeugkonstruktion an der FH München. Als Sachverständiger für das Bundesverkehrsministerium hat er zahlreiche Publikationen zur Ladungssicherungstechnik erarbeitet.




Über Braun Ladungssicherungssysteme

BRAUN Ladungssicherungssysteme

BRAUN GmbH | Am Grünberg 8 | 92318 Neumarkt / Opf.
Phone: +49-9181-2307-0 | Fax: +49-9181-2307-70
http://www.braun-sis.de | info@braun-sis.de

 

 

 

 

Ladungssicherungstag 2009
Bilder hochauflösend bitte anklicken


Firmenchef Günther Braun begrüßt die Gäste
  Angeregte Fachgespräche während der Betriebsführung
Ladungssicherungstechnik Made in Bavaria
 
Ladungssicherungstechnik Made in Bavaria

In der Materialprüfung. Ein Spanngurt wird mit 250 KN (25 Tonnen) gespannt

 
Das Ergebnis nach der Materialprüfung
Firmenchef Günther Braun stellt das SpannControl System vor
 
 
 
 
 
 
 
 
Sigurd Ehringer bei seinem Vortrag
 
Prof. Ulrich Podzuweit bei seinem Vortrag
   
     

 

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